93 ungelesene Nachrichten.
Von oben anfangen: zwanzig Minuten Vorgeschichte.
Von unten anfangen: keine Ahnung, warum plötzlich alle über Kartoffelsalat reden.
Der Gruppenchat bietet zwei Lesemodi und beide beginnen mit Kontextverlust.
Nachricht 31 antwortet auf die Restaurantfrage.
Nachricht 32 ist ein Foto vom Hund.
Nachricht 33 reagiert auf einen Witz aus Nachricht 19.
Nachricht 34 fragt nach Samstag.
Chronologisch sortiert heißt in einem Gruppenchat nicht automatisch thematisch sortiert.
Wenn ich nach ein paar Stunden 80 Nachrichten nachlese, möchte ich manchmal auf eine Frage antworten und sehe zehn Zeilen später, dass das Thema längst erledigt ist. Gruppenchat lesen ist dann weniger Gespräch als kleine Zeitreise durch Entscheidungen, bei denen die Gegenwart schon weiter ist.
Nach einem Wochenende 146 Nachrichten einzeln aufzuarbeiten ist nicht immer soziale Pflicht. „Kann mir jemand kurz sagen, was für Dienstag jetzt beschlossen wurde?“ kann völlig reichen. Ein Gruppenchat ist schließlich kein Roman, bei dem Kapitel 4 für das Verständnis von Kapitel 5 zwingend gelesen werden muss.
93 ungelesene Textnachrichten sind eine Sache.
Dazwischen drei Videos, zwölf Fotos und zwei Sprachnachrichten mit jeweils vier Minuten sind eine andere.
Der kleine Zähler misst Nachrichten. Die tatsächliche Aufholzeit leider nicht.
Früher hatte ich bei großen Gruppen das Gefühl, ich müsste wirklich alles nachlesen. Inzwischen überfliege ich, schaue nach Erwähnungen und steige wieder dort ein, wo der Chat gerade ist. Freundschaft scheitert erstaunlich selten daran, dass ich Meme Nummer 47 vom Dienstagnachmittag nicht gesehen habe.
Der Chat redet seit einer Stunde über etwas völlig anderes.
Dann antwortet jemand auf Nachricht 26 von heute Morgen.
Plötzlich ist die alte Diskussion wieder da und fünf Menschen wissen erst einmal nicht, auf welches Jahrhundert sich „ja genau“ gerade bezieht.
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