Langer Arbeitsweg ist nicht automatisch die falsche Entscheidung.
Wenn dafür die Wohnung bezahlbar, ruhig, groß genug und wirklich gern bewohnt ist, kann jemand diese Stunde bewusst in Kauf nehmen.
Die entscheidende Frage ist vielleicht nicht „Wie weit ist es zur Arbeit?“, sondern „Was bekomme ich für die Entfernung zurück?“
Bei Paaren gibt es nicht immer „nah an der Arbeit“.
Wenn eine Person im Norden der Stadt arbeitet und die andere im Süden, kann eine günstige Wohnung am Rand für einen perfekt und für den anderen katastrophal liegen.
Wohnlage ist dann plötzlich eine gemeinsame Optimierungsaufgabe.
Eine Stunde pro Richtung würde ich bei fünf Bürotagen ganz anders bewerten als bei einem. Bei viel Homeoffice kann eine günstigere Wohnung weiter draußen plötzlich vernünftig wirken. Wenn sich die Präsenzregel später ändert, ändert sich allerdings auch die komplette Rechnung, ohne dass die Wohnung umgezogen ist.
Eine günstige Wohnung kann so gut zum aktuellen Arbeitsplatz liegen, dass man vergisst, wie dauerhaft die Wohnung und wie wechselbar der Job eigentlich ist.
Nach einem Arbeitgeberwechsel können aus 25 Minuten plötzlich 75 werden.
Beim Wohnort kauft man deshalb ein bisschen mehr Zukunft mit als nur den nächsten Arbeitsweg.
Bei einer Wohnung weit außerhalb würde ich den Arbeitsweg inzwischen einmal morgens zur echten Pendelzeit ausprobieren.
Maps um Sonntagmittag sagt vielleicht 47 Minuten.
Dienstag um 7:20 mit Parkplatzsuche, Stau oder verpasstem Anschluss kann daraus ein völlig anderer Wohnort werden.
Zwei Stunden Pendeln bedeuten nicht nur zwei Stunden weniger Freizeit. Sie verschieben auch Einkauf, Sport, Arzttermin und die Frage, ob man nach der Arbeit noch jemanden trifft. Aus acht Stunden Arbeit werden im Alltag schnell zehn Stunden, in denen man nicht wirklich zu Hause ist.
Eine Wohnung 400 Euro günstiger klingt nach einer klaren Ersparnis.
Dann kommen Monatsticket oder Auto, Sprit, Wartung, Parken und vielleicht ein zweites Fahrzeug im Haushalt dazu.
Die günstigere Miete bleibt günstiger. Nur die tatsächliche Differenz kann deutlich kleiner sein als in der Wohnungsanzeige.
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