„Ich muss morgen gegen elf für ungefähr zwanzig Minuten zwei Regale anbringen.“
Der Bohrer wird dadurch nicht leiser.
Trotzdem macht es einen erstaunlichen Unterschied, ob Lärm angekündigt ist oder plötzlich durch die Wand kommt.
Bohrmaschine irgendwo im Haus. Klingt eindeutig nach oben. Im Treppenhaus plötzlich eher von unten. In Mehrfamilienhäusern reist Schall gelegentlich besser durch Wände und Decken als die Information darüber, wer eigentlich gerade renoviert.
Kopfhörer können zehn Minuten Bohren ziemlich effektiv aus dem eigenen Kopf entfernen. Wenn das jeden Sonntag zwei Stunden passiert, wird aus persönlicher Geräuschunterdrückung irgendwann nur noch Symptombehandlung. Gemeinschaftliches Wohnen braucht auf Dauer etwas mehr als bessere Kopfhörer.
Ein undichtes Rohr reparieren und spontan noch drei Regale montieren produzieren möglicherweise ähnlich viel Lärm, aber nicht dieselbe Situation. Bei Nachbarschaftsrücksicht gehört für mich deshalb nicht nur die Lautstärke zur Bewertung, sondern auch, wie gut sich die Arbeit überhaupt verschieben ließ.
Wenn jemand einmal nach einem Umzug etwas an die Wand bringen muss, könnte ich wahrscheinlich ziemlich großzügig sein.
Wenn jeden Sonntag irgendein neues Bauprojekt beginnt, wäre meine Toleranz deutlich kleiner.
Bei Nachbarschaftslärm ist Häufigkeit für mich fast so wichtig wie Lautstärke.
Wenn mich derselbe Lärm regelmäßig stören würde, würde ich irgendwann lieber freundlich klingeln als drei Wochen lang jedes Geräusch innerlich protokollieren. Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung oder eine andere Uhrzeit. Nicht jeder Nachbarschaftskonflikt braucht zuerst eine Ermittlungsakte.
Der eigene Bohrer klingt immer erstaunlich vernünftig.
Man muss schließlich nur dieses eine Regal anbringen.
Durch die Wand hört der Nachbar allerdings nicht die Begründung, sondern hauptsächlich den Bohrer.
Manche Rücksicht beginnt wahrscheinlich damit, den eigenen Lärm kurz aus der anderen Wohnung zu hören.
Sonntags bohren ist eine dieser Sachen, bei denen ich gleichzeitig denke:
wird ja wohl fünf Minuten gehen
und
warum ausgerechnet jetzt.
Nach Minute 25 gewinnt die zweite Meinung meistens deutlich.
Wenn ich nach einer Nachtschicht sonntagvormittags schlafen müsste, würde mich derselbe Bohrer wahrscheinlich deutlich stärker treffen als nach ausgeschlafenem Frühstück. Nachbarschaft ist kompliziert, weil nicht alle Menschen gleichzeitig arbeiten, schlafen und frei haben.
Mein Nachbar hat letzten Sonntag gebohrt.
Zweimal kurz.
Ich war schon innerlich bereit, mich aufzuregen.
Dann war Ruhe.
Fast enttäuschend, wenn man sich emotional schon komplett vorbereitet hat.
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