Wenn zwei Freunde vier Stunden voneinander entfernt wohnen, muss nicht jedes Treffen mathematisch exakt in der Mitte sein. Auf Dauer ist es trotzdem angenehm, wenn nicht immer dieselbe Person Zug, Übernachtung und Reisekosten übernimmt. Freundschaft darf asymmetrische Wochen haben, aber nicht zwingend eine permanente Reiserichtung.
Das Problem sind bei uns inzwischen weniger die drei Monate.
Das Problem ist, dass wir bei jedem Treffen sagen: „Diesmal warten wir aber nicht wieder so lange.“
Tun wir natürlich.
Seit ungefähr zwei Jahren.
Wenn Freunde in verschiedenen Städten leben, besteht ein Treffen irgendwann aus mehr als „hast du Freitag Zeit?“.
Zug suchen, Wochenende freihalten, vielleicht übernachten und hoffen, dass nicht genau dann jemand krank wird.
Drei Monate können erstaunlich schnell entstehen, ohne dass irgendjemand die Freundschaft vernachlässigen wollte.
Manche Freundschaften haben irgendwann weniger spontane Dienstage und dafür feste Dinge: jedes Jahr ein gemeinsames Wochenende, derselbe Weihnachtsmarkt, ein bestimmtes Konzert. Wiederkehrende Rituale können erstaunlich viel Kontinuität tragen, auch wenn dazwischen ziemlich viel Kalender liegt.
Einen meiner besten Freunde sehe ich vielleicht viermal im Jahr.
Früher hätte ich das für eine ziemlich kaputte Freundschaft gehalten.
Dann treffen wir uns, bestellen irgendwas zu essen und nach zehn Minuten fühlt es sich an, als wären seit dem letzten Mal drei Tage vergangen.
Häufigkeit ist offenbar nicht bei jeder Freundschaft dasselbe wie Nähe.
Früher eine Stunde nach der Uni Kaffee, heute vielleicht ein ganzes Wochenende alle drei Monate. Weniger häufig heißt nicht automatisch weniger gemeinsame Zeit; manchmal verändert sich einfach das Format der Freundschaft.
Wenn ein persönliches Treffen erst in zwei Monaten klappt, finde ich einen längeren Anruf zwischendurch manchmal besser als fünfzig kleine Nachrichten. Danach kenne ich nicht nur die Überschriften, sondern auch wieder ein bisschen den Alltag dahinter.
Alte Freundschaft kann lange Pausen ziemlich gut aushalten.
Trotzdem reicht es auf Dauer nicht, bei jedem Treffen nur dieselben Geschichten aus Studium oder Schulzeit auszupacken.
Nähe lebt vielleicht weniger davon, wie lange man sich kennt, als davon, ob man noch neugierig darauf ist, wer der andere inzwischen geworden ist.
Die ersten zwanzig Minuten eines seltenen Treffens müssen nicht daraus bestehen, sich gegenseitig dafür zu entschuldigen, dass das letzte so lange her ist. Wenn beide das Leben dazwischen kennen, darf man irgendwann auch einfach anfangen, sich zu sehen.
Ich muss gute Freunde nicht jede Woche sehen, aber ich mag diese kleinen Nachrichten dazwischen.
Foto vom neuen Schreibtisch, „das wäre genau dein Film“, kurze Beschwerde über die Bahn.
Dann beginnt das nächste Treffen nicht mit drei Monaten Lebenslauf nachholen.
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